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Angst beim Klettern

50% aller Kletterer haben nach Dave MacLeods Aussage Sturzangst. Warum ist das eigentlich so? Und was können wir dagegen tun? Erfahre hier mehr dazu!

Vor kurzem in der Kletterhalle habe ich folgende Situation erlebt. Ein Kletterer hat sich auf halber Höhe in der Route mit seinem Sicherungspartner unterhalten, ob er den nächsten Griff würde halten können oder nicht. Je länger die Diskussion ging, umso unsicher wurde der Kletterer bis er sich schlussendlich dazu entschieden hat, sich abseilen zu lassen, anstatt den nächsten Zug auszuprobieren.

So oder so ähnlich habe ich immer wieder Situationen in der Kletterhalle erlebt. Auch ich selbst habe schon oft genug abgeseilt oder habe einen Boulder erst gar nicht probiert, einfach nur aus dem Gedanken heraus, dass es sein könnte, dass ich ihn nicht schaffe.

Kennst du das auch?

Die Entscheidung etwas lieber erst gar nicht auszuprobieren, als es nicht zu schaffen, resultiert aus Angst – aus der Angst zu stürzen oder aus der Angst zu versagen.

Warum haben wir eigentlich Angst?

Angst kommt in jedem Leben vor, sie ist ein evolutionäres Merkmal. Sie ist unser Alarmsystem und motiviert uns, bedrohliche oder gefährliche Situationen zu vermeiden. Auch wenn das für die meisten von uns nur schwer vorstellbar ist, auch Extremkletterer wie Alex Honnold oder Alexander Huber sprechen offen darüber, dass auch sie Angst haben. Ihre Angst hat wahrscheinlich eine andere Form als unsere. Denn Angst ist etwas sehr Persönliches, etwas sehr Individuelles.

Seine Gesundheit zu verlieren, im Rollstuhl zu sitzen oder einen geliebten Menschen zu verlieren, sind typisch Ängste die wahrscheinlich die meisten von uns kennen.

Arten von Angst

Armita Golar, Professorin am Department of Clinical Neuroscience in Stockholm, beschreibt 3 verschieden Arten von Angst:

Angst von realen Gefahren!

Die Angst sich zu verletzen, die Angst ums Leben zu kommen ist eine adaptive Überlebensreaktion auf reale Gefahren. Beim Klettern gibt es diese realen Gefahren wie z. B. Angst vor einem Bodensturz oder vor einer Verletzung durch einen harten Anprall an die Wand. 

Wir haben eine ganz natürliche Angst davor zu stürzen, da bereits ein ungebremster Sturz aus 1–2 m Höhe auf einen harten Untergrund zu erheblichen Verletzungen führen kann. Deshalb ist in der Baubranche durch die Berufsgenossenschaft eine Absturzsicherung bereits ab 2 m Arbeitshöhe vorgeschrieben. Dabei ist das sicher kein Luxus, sondern eine sinnvolle Pflicht, ein sinnvoller Gesundheitsschutz.

Ein gewisser gesunder Respekt, ein unangenehmes Gefühl im Bauch bis hin zur Sturzangst ist bei potenzieller Sturzgefahr eine nachvollziehbare, normale und gesunde Angst. Wie stark sie sich zeigt, ist für jeden von uns individuell anders. Die Angst vor realen Gefahren ist ein Schutzmechanismus, der uns überleben lässt, sie schützt uns davor uns Gefahren auszusetzen, die wir nicht mehr im Griff haben.

Innerlich erzeugte Gedanken, die zu Angst führen!

Angst, die primär in unserem Kopf existiert und die aus Unsicherheit heraus resultiert kann uns lähmen. Sie kann dazu führen, dass wir uns nichts mehr trauen, uns nichts mehr zutrauen. Für manche kommt sie aus einer unbegründeten Angst heraus, dass das Klettermaterial nicht hält, oder aus dem fehlenden Vertrauen in unseren Sicherungspartner. Versagensangst löst bei anderer Kletterern diese innerliche Angst aus „Wie stehe ich vor meinem Kletterpartner da, wenn ich das nicht schaffe?“ Also probiere ich es lieber erst gar nicht, dann fällt keinem auf, dass ich das nicht kann.

Abneigung gegen das Unbekannte!

Armita Golkar zufolge haben wir Menschen eine grundsätzliche Abneigung gegen das Unbekannt, gegen das Unkontrollierbare. Dabei fühlen wir uns umso unwohler, je mehr dabei für uns auf dem Spiel steht und je weniger Kontrolle wir über etwas haben. Auch deshalb ist die Angst vor dem Stürzen, wenn wir es noch nie oder zu selten gemacht haben eine ganz natürliche Angst vor einer uns unbekannten Situation.

Dave MacLeod schreibt in seinem Buch 9 von 10 Kletterern machen die gleichen Fehler: „Für mehr als die Hälfte aller Kletterer ist Sturzangst der leistungsbegrenzende Faktor“. Angst ist etwas Normales, wir sind mit unserer Angst in bester Gesellschaft. Wichtig ist, dass wir unsere individuelle Angst kennen und wie wir mit ihr umgehen.

Die typischen Ängste beim Klettern, die viele von uns plagen, sind:

  • Höhenangst
  • Sturzangst
  • Versagensangst
  • Fehlendes Vertrauen in den Sicherungspartner
  • Angst vor Wettkämpfen

Wie können wir mit Angst umgehen?

Erst mal vorneweg – Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst. Mutig sind wir, wenn wir uns unserer Angst bewusst sind und sie uns zum Wegweiser unseres Handelns gemacht haben.

In einer real gefährlichen Situation keine Angst zu haben, führt häufig zu Fehleinschätzungen, die bis hin zum Tot führen können.

Die Angst bringt uns Anspannung, danach haben wir die Wahl mit weglaufen oder mit draufzugehen zu reagieren. Der Angst aus dem Weg zu gehen ist, als ob wir einer schwierigen Kletterroute einfach aus dem Weg gehen oder einen Griff aus einer anderen Route verwenden, um durch die Crux zu kommen. Statt die Herausforderung anzugehen und uns auf den Weg zu machen, kaufen wir erst mal ein neues cooles Klettershirt, um danach festzustellen, dass die Route immer noch die genauso hoch, genauso überhängend und genauso schwierig ist.

Wenn wir uns bewusst entscheiden auf das Problem zuzugehen, können wir das nötige Selbstvertrauen aufbauen, das uns hilft durch die Angst nicht in übermäßige Nervosität, oder gar Panik zu verfallen, sondern in nichts anderes als die völlige Konzentration. Der Zweikampf der Gefühle der dabei in uns entsteht, uns unruhig mach, uns hetzt, um uns dann wieder ruhiger werden zu lassen, ist ein mentaler Prozess, der uns hilft, einen Weg zu finden mit der wahrgenommenen Gefahr umzugehen.

Schenke deiner Angst Vertrauen!

Hab Vertrauen in das Urteilsvermögen deiner Angst. Denn sie ist es, die dich schützt und dir die wirklich unvergesslichen Momente schenkt!

Unsere Angst bremst uns aus, sie warnt uns von Gefahren, macht uns Vorsichtig und schützt uns unüberlegte Dinge zu tun! Und sie ist gut darin uns weiß zu machen, dass wir bestimmt Dinge nicht können! Schließlich hat sie jahrzehntelange Erfahrung damit.

Sie leitet uns an. Sorgt dafür, dass wir in schwierigen Situationen hellwach sind und unseren vollen Fokus auf das ausrichten, was wir gerade tun. Sie zeigt uns unseren individuellen, für uns gesunden und sicheren Weg auf.

Unsere Angst ist unser Motor, der uns die Abenteuer schenkt, die wir so lieben. Sie schenkt uns die unvergesslichen Momente in unserem Leben. Angst macht unser Leben reich und erfüllt. Was wäre denn ein Gipfel ohne ein bisschen Abenteuer im Aufstieg? Wie stolz bis du das letzte Mal gewesen als du nach einer aufregenden, wunderschönen Kletterpartie auf dem Gipfel gestanden bist? Das sind für mich die Momente, die unser Leben ausmachen!

Schluss mit dem Vermeiden!

Schluss mit der Fehlannahme: „Was mir Angst macht, kann ich auch nicht“. Du kannst es! Stell dich deinen Ängsten, wenn du dein Kletterniveau verbessern möchtest, wenn du dein Leistungsplateau verlassen möchtest.

Nein, du sollst dich jetzt nicht völlig unüberlegt in etwas hineinstürzen, dass dir Angst macht. Sicherheit hat immer die oberste Priorität! Gehe die Situationen, die dir Angst machen, in kleinen überschaubaren Schritten an. Fordere dich, überfordere dich dabei aber nicht! Sammle Erfahrungen! Dadurch erweiterst du deine Komfortzone und fühlst dich Schritt für Schritt sicherer in diesen Momenten. Auch wenn du anfangs das Gefühl hast nur winzig kleine Schritte zu machen, ist das egal. Jeder dieser kleinen Schritte bringt dich ein Stückchen weiter. Gibt dir die Zeit, die du brauchst, ganz individuell, genau richtig für dich.

Und das Wichtigste: Sei stolz auf dich! Sei stolz darauf, dass du dich deiner Angst stellst! Sei stolz auf jeden einzelnen Schritt, den du gemacht hast.

Möchtest du gleich durchstarten und mehr erfahren, wie du deiner Sturzangst die Stirn bieten kannst, dann schau dir meine Kurse an!